Die größte Heraus-
forderung?
die wahre Kunst der Yoga-Praxis.
Nachgespürt – Gedanken zum Yogaunterricht von Susanne Fuchs

Was ist im Yoga-Üben die größte Herausforderung? Es ist nicht, den Kopfstand zu meistern oder das Erreichen der Knie mit der Nasenspitze in der Vorbeuge. Es ist auch nicht die zwanzigste Wiederholung des Sonnengrußes.
Die größte Herausforderung ist sogleich Weg als auch Ziel. Es ist das Halten der Konzentration über eine längere Zeit – am besten während der gesamten Übungsdauer. Ich weiß von eigener Übungspraxis, wie schwer es ist, während der Bewegungen, die Aufmerksamkeit immer wieder einzufangen. Ich kreise mit dem Fuß und denke an das Abendessen, ich beobachte den Fluss der Atmung und mir geht das Gespräch mit meiner Freundin durch den Kopf. Dazwischen wieder die Aufforderung, nicht in das mechanische Bewegen abzugleiten sondern jederzeit konzentriert die Kontrolle zu behalten.
Am schwierigsten ist es am Ende der Stunde. Nun, wo wir entspannen wollen, möchte der Geist doch all zu gerne auf Wanderschaft gehen, verlangt der Körper dringend Schlaf. Doch die Aufforderung heißt: „Bleibe wachsam und entspanne bewusst ein Körperteil nach dem anderen.“ Shavasana, das zeigt schon die ungewohnt offene Haltung in der Rückenlage, ist alles andere als eine gemütliche Schlafhaltung. Und dennoch sind wir es gewohnt, sofort in unsere eigene Welt abzutauchen, nicht selten in die eigene Traumwelt, während die Entspannungs-Ansage im Hintergrund so schön rauscht. Und da übernimmt dann definitiv ein anderes „Ich“ als das bewusste und vorbei ist es mit der Kontrolle.
Die Aufforderung heißt:
„Bleibe wachsam und entspanne bewusst ein Körperteil nach dem anderen.“
Neben Erschöpfung und Schlafmangel läuft fokussierte Aufmerksamkeit auch der Tendenz entgegen, die wir entwickelt haben, um zu überleben. Ein Tier, das während des Grasens nicht alle anderen Geräusche und Gerüche im Fokus hat, läuft Gefahr, gefressen zu werden und kann seine Gene nicht weitergeben. Und Ablenkung gibt es während des Yoga-Übens genug, selbst wenn wir die Augen schließen. Das Erregen unserer Aufmerksamkeit durch Emotionen, Empfindungen, Begierden hilft schnell zu reagieren und Ressourcen ausfindig zu machen. Auch das gehört zu unserer evolutionären Natur und ist nicht eben hilfreich, wenn wir „bei einer Sache“ bleiben möchten. Unser Gehirn langweilt sich schnell. Wenn der Inhalt des Arbeits-Gedächtnisses nicht spannend genug ist und ein neuer Stimulus anklopft, pulsieren Neuronen und ziehen unsere Aufmerksamkeit ab.
Menschen unterscheiden sich sehr in Hinblick auf die Fähigkeit, konzentriert zu bleiben. Und eine Kultur ständiger Reizüberflutung und schneller neuer Stimuli, die unsere Aufmerksamkeit rufen, macht es unserem Gehirn nicht leichter, in der Zentrierung zu bleiben.
Insofern ist das Halten der Aufmerksamkeit auf das, was wir gerade in diesem Moment tun, ein Übungsweg. Den wir immer und immer wieder aufs Neue gehen. Und das nicht nur während wir meditieren, sondern in jedem Moment unseres Yoga-Übens.
